Samstagmorgen. Frühstück und in aller Ruhe mal wieder in der TA (Thüringer Allgemeine) geblättert.
Die Seite des Partner Journals interessiert mich meist nicht. Heute aber ein großes Bild von einem Mann, welcher sein Fahrrad repariert. Da sich nach langer Radfahrabstinenz bei mir schon die ersten Entzugserscheinungen bemerkbar machen, konnte ich hier nicht einfach weiterblättern.
Ein Artikel der TA Journalistin Elena Rauch: „Männer auf dem Rad“.
Ich las den Artikel meiner Frau beim Frühstück vor. Schmunzelnd fragte sie mich, woher mich diese Frau kennen würde.  Während des Vorlesens schoss es mir durch den Kopf, dass ich am Freitag meinem Sohn sagte, er solle am Samstag mal etwas früher aufstehen (also schon mal vor 11:00), damit wir am Samstag eher zum Einkaufen starten können. Für Samstagnachmittag war nähmlich schönes Wetter angesagt, und ich wollte mit dem Rennrad eine Runde drehen.
Und nun dieser Artikel…….

Thüringer Allgemeine, 15.1.2010, Männer auf dem Rad, Autorin: Elena Rauch

Leben Sie noch ruhig oder fährt er schon? Ich meine Rad, also Rennrad. Es gehört zu den rätselhaften Phänomenen der Postmoderne. Kaum gelangt so ein Mann in das sogenannte beste Alter, beginnt er am Rad zu drehen. In einer modernen Männerbiografie unterscheidet man neuerdings zwischen zwei Lebensabschnitten: Vor dem Rennrad und danach.
Das erste Rennrad ( und ich garantiere Ihnen, es wird nicht dabei bleiben), ist eine Zäsur. Bei einer Frau vergleichbar höchstens mit jenem Tag, an dem sie vor dem Spiegel entdeckt, dass die Frage der Haartönung keine Modefrage mehr ist, sondern Überlebensstrategie. Aber sie erledigt das hinter verschlossener Badtür. Er hingegen begibt sich auf die Straße.
Als ob es nicht andere schöne Sportarten gäbe. Federball zum Beispiel oder Paddeln. Aber so ein rennradelnder Mann, ist ja nicht einfach ein Freizeitsportler. Er ist eine Botschaft. Von Dynamik, wirtschaftlichem Erfolg (was glauben Sie was so ein Rennrad kostet), technischem Sachverstand, Ausdauer, Härte gegen sich selbst. Vom Charakter eines gestandenen Mannes eben.
Und welche Frau will sich einer solchen Botschaft verschließen? Also nehmen wir es hin. Wir hören uns geduldig seine Fahrberichte an unter sensibler Einstreuung sachdienlicher Zwischenfragen (die nach den Steigungsprozenten kommt zum Beispiel immer gut) und bewundernder Ausrufe. Wir schlängeln und drücken uns im gemeinsamen Hobbykeller klaglos an der abgestellten Räderflotte und Ergometer vorbei, um an Waschmaschine und Trockner zu gelangen. Wir sorgen uns stumm, wenn er im kalten Morgengrauen das traute Heim verlässt, um auf freier Landstraße seine Kreise zu ziehen.
Aber manchmal ist es schwer. Manchmal gelangt man sogar als Frau an die Grenzen seiner sozialen Kompetenz. Diese Woche zum Beispiel. Draußen noch Reste des tauenden Eises, da beschloss er die Winterruhe zu beenden. Ich ahnte nichts Gutes. Aber wenn ein Mann den Ruf der einsamen Landstraße vernimmt, ist eine Frau machtlos.
Bis jetzt habe ich immer geglaubt, ein erkälteter Mann sei der mentale Supergau. Da hatte ich aber noch nicht einen gestürtzten Rad fahrenden Mann erlebt.
Dieses stumme Hinken. Dieser verstohlene Griff ans Handgelenk. Dieses gequälte Lachen. Dieser erloschene Blick.
Eine solche Situation erfordert viel Umsicht und Selbstdisziplin. Gewöhnlich erwacht bei einer Frau beim Anblick eines leidenden Mannes unverzüglich der Beschützerinstinkt. Sie eilt in die Apotheke, kocht ihm Hühnerbrühe, informiert die Familie, bettet ihn vorsichtig auf die Couch, sogt für Ruhe im Haus und sagt alle Termine ab.
Ein solches Verhalten ist selbstverstänlich angebracht im Falle einer Grippe. Aber nicht in diesem! Eine Erkältung ist ein Naturereignis. Ein Sturz vom Rennrad ein brutaler Angriff auf sein männliches Selbstverständnis. Zu viel Führsorge wird ihm das nur bestätigen.
Erkundigen Sie sich behutsam, aber nicht zu oft, ob es sehr weh tut. Lassen Sie ihn ruhig selbstbestimmt in die Apotheke humpeln, wenn er darauf besteht. Passen Sie in der Öffentlichkeit Ihre Schrittgeschwindigkeit seinen Einschränkungen an, aber öffnen Sie ihm nie die Tür. Vermeiden Sie alle Themen, die weitläufig mit Alter in Verbindung gebracht werden können. Sollte in diesen Tagen Post von der Rentenversicherung kommen, verstecken Sie den Brief. Erzählen Sie am Besten niemandem von dem Unfall und versuchen Sie so zu tun, als sei nichts gewesen.
Ich jedenfalls setzte auf diese Strategie. Ich werde der Zeit vertrauen und seinem Rennrad. Spätestens wenn er wieder fahren kann, wird er wieder sein wie immer. Und dann werde ich auch sein Rennrad lieben. Eine Frau spürt so etwas.

So, nun wissen wir Männer es also ganz genau. Ich will natürlich nicht unterstellen, dass mal wieder alle Klischees bedient werden.
Nein, ich verkneife mir auch jede Bemerkung zum Thema Frauen in Verbindung mit Handtaschen, Schuhen, Telefonieren, Einparken, in Gaststätten immer zu zweit auf’s Klo gehen………..